Reise in ein neues Land mit alten Mustern im Gepäck

Es war einmal eine junge Frau, die ihren Weg verloren hatte. Eines ihrer größten Probleme: Sie machte sich viel zu viele Sorgen über viel zu viele Dinge, die außerhalb ihrer Kontrolle lagen. Deswegen ging es ihr zeitweise sehr schlecht und sie war nicht mehr im Stande ihre Arbeit zu verrichten. Um weiterhin neue Kraft zu tanken, entschloss sie sich nach Indien zu reisen, dem Ursprungsland des Yoga und Ayurveda.

…endlich war der Tag der Abreise gekommen. Reisen an sich schreckt mich nicht ab. Immerhin habe ich 7 Jahre lang in den USA gelebt und einige Erfahrung mit Langstreckenflügen. Auf diesen Reisen gab es natürlich auch die ein oder andere Herausforderung oder Panne. Im Jahr 2010 ist z.B. mein Flug von Atlanta nach Düsseldorf auf halber Strecke umgekehrt, da der Vulkan Eyjafjallajökull auf Island ausbrach und die Aschewolke die Flugzeuge behinderte. Oh well, am Ende ist aber alles immer gut ausgegangen. Sogar das eine Mal, als ich durch eigenes Verschulden meinen ersten und einzigen Flug verpasste und kostenlos von der Airline auf den nächsten Flug gebucht wurde. Mein tränenreicher Auftritt (echte Tränen…es war sooooo schlimm für mich) hat wohl Mitgefühl erzeugt bei der Dame am Schalter.

Zurück zur Reise nach Indien. Am Flughafen in Düsseldorf traf ich Philipp, einen Kursteilnehmer, der die selbe Strecke flog. Von dort ging es über München nach Mumbai und zuletzt nach Goa. Der erste Teil der Reise bis Mumbai verlief genau nach Plan. Aus dem Flugzeug schaute ich irgendwann auf die Berglandschaft des Nahen Ostens herab und fühlte eine Ruhe in mir wie ich sie nicht oft spüre. 

Von Sorgen keine Spur. Ich war im Moment und genoss den Flug. Nur ab und an schlichen sich Gedanken an die Einreise und Weiterreise in Mumbai ein, aber 2,5h waren meiner Meinung nach mehr als genug Zeit, so dass ich diese Gedanken schnell wieder ziehen lassen konnte. In Mumbai angekommen ging es nach einem recht langen Fußmarsch zur Immigration. Die Schlange war recht lang, aber ich kannte das Prozedere aus den USA zur Genüge und war sicher, dass die Zeit reichte. Philipp und ich unterhielten uns und ich schaute mir die Menschen aus aller Welt an, die mit in der Schlange standen. Ich liebe es Leute anzuschauen und wahrzunehmen wie unterschiedlich wir alle sind. Es hilft mir mich daran zu erinnern, dass ich, so wie ich bin, sein darf und nicht versuchen muss einem Ideal hinterher zu eifern (was ich natürlich trotzdem hin und wieder tue, weil der Prozess der Selbstliebe und Annahme eben genau das ist, ein Prozess).

Nach ca. 1 Stunde begann ich merklich unruhiger zu werden, weil es doch deutlich länger dauerte als erwartet. Die Unruhe wurde verstärkt, als wir darauf aufmerksam gemacht wurden, dass Philipp, der ein anderes Visum hatte, in der falschen Schlange stand. Immerhin warteten wir schon eine Stunde. Ich fing an zu gucken wie lang eine Person am Schalter durchschnittlich brauchte – ca. 5 min. Danach schätzte ich ab wie viele vor mir dran sind und glich es mit meiner verbleibenden Zeit ab. Ich durchlief im Kopf, wie lange es wohl dauerte das Gepäck zu holen, durch den Zoll zu gehen, erneute Sicherheitskontrolle, Weg zum Gate, usw. Ich konnte nicht wissen wie lang all das dauerte, aber in meinem Kopf rotierte es ordentlich. Ich bat mich ruhig zu bleiben, versuchte mich wieder auf die Menschen um mich herum zu konzentrieren, aber die Anspannung stieg im Minutentakt. Außerdem fiel mir auf, dass mich nun das Geschrei von Kindern, die warme Luft, das Stehen, usw. zunehmlich störten. Bevor ich angefangen hatte mir Sorgen zu machen, habe ich all das kaum wahrgenommen. Interessante Beobachtung!

Um es abzukürzen, ich habe es rechtzeitig zu meinem Flug geschafft, aber die meisten Passagiere hatten bereits geboardet. Im Flugzeug angekommen hielt ich Ausschau nach Philipp, aber keine Spur von ihm. Und anstatt mich einen kurzen Moment darüber zu freuen, dass ich im Flieger saß, gingen die Sorgen direkt wieder los. Was wäre, wenn Philipp den Flug verpasst? Fast schon automatisch griff ich in meine Tasche und zog eine Brezel heraus, die ich in Deutschland am Flughafen gekauft hatte. Ich hatte überhaupt keinen Hunger, aber die Aufregung wollte beruhigt werden und ich greife in solchen Momenten gerne zu Essen. Wie typisch, dachte ich mir…und aß dennoch. Was würden die schlauen Coaches, denen ich folge (wie z.B. Laura Malina Seiler) nun raten? Atem, konzentriere dich auf deinen Atem. Immer wieder versuchte ich mich mit meinem Atem zu verbinden, mich in den Moment zu holen. Tief in den Bauch einatmen, Anspannung mit dem Ausatmen loslassen. Immer wieder gleiches Spiel, aber es wollte nicht gelingen. Ich schaute entweder gebannt auf den Eingang des Flugzeuges oder auf meine Uhr. Von Philipp keine Spur. Dennoch fühlte ich mich auf irrationale Weise dafür verantwortlich, dass er es schaffte. Diese verdammten eingefahrenen Muster! Dann kam mir eine Idee. Ich hörte mir ein Mantra an, das Gayatri Mantra, zur Beruhigung. In Indien war ich ja immerhin, also warum nicht sogleich ein Klischee bedienen 😉 Aber das hat mir in der Situation wirklich noch am besten geholfen. Ich schloss meine Augen und habe mich den Klängen hingegeben. Zudem fing ich an mir aktiv ins Bewusstsein zu holen wofür ich gerade dankbar sein konnte. Ich war in Indien angekommen, ich saß im Flieger nach Goa. Was für ein schöner Moment es doch eigentlich war. Nächster Punkt: Vertrauen, dass alles gut wird gepaart mit dem Wissen, dass keine Sorgen in der Welt, ob berechtigt oder nicht, der Situation helfen könne. Und das ist wohl die entscheidendste Erkenntnis: Sorgen helfen nicht, nie, sondern nur Lösungen. Aber da es noch kein Problem gab, galt es loszulassen.

Gerade als ich im Kopf aufhörte einen Notfallplan für Philipp zu entwerfen, falls er es wirklich nicht rechtzeitig schafft, sah ich ihn im Gang erscheinen. Puuuuuuh, was für eine Erleichterung. Ich merkte wie eine Last von mir abfiel, die ich mir freiwillig und eigenverantwortlich auferlegt hatte. Ich musste etwas schmunzeln, weil mir meine alten Denkmuster natürlich nur allzu vertraut sind. Ich gerate nur allzu bereitwillig in eine Sorgenspirale, die, wenn sie einmal in Gang kommt, schnell an Fahrt aufnimmt und wenig Raum für anders lässt.

Unwillkürlich muss ich an meine letzten Wochen im Job vor der Krankschreibung denken. Sorgen haben damals mein Leben bestimmt, hartnäckige, belastende, hinderliche, herubterziehende, irrationale Sorgen. Ich denke ungern an die Zeit zurück und sofort mache ich mir erneut Sorgen. Was, wenn es wieder passiert? Wann kann ich wieder arbeiten? Werde ich es schaffen mich besser zu schützen?

Kurz kommt mir der Gedanke, dass ich nicht dazulerne, immer wieder die gleichen Muster bediene. Doch das stimmt nicht und das sage ich mir selbst, mit Bestimmtheit! Vor einigen Monaten wäre ich nicht in der Lage gewesen mich so klar zu reflektieren. Außerdem habe ich mich zeitweise in den Moment zurückholen können. Noch auf dem Flug schreibe ich all diese Gedanken auf, weil sie mir wichtig erscheinen. Man muss nicht nach Indien reisen, um sich in meine Lage versetzen zu können. Meine Erfahrung ist auf viele Situationen anwendbar, wo wir uns um andere sorgen, in der Zukunft leben, „Was wäre wenn…?“ spielen. Wer kennt das nicht.

Ich lehne mich im Sitz zurück und tue das was ich in letzter Zeit immer häufiger praktiziere: Nachsichtigkeit mir selbst gegenüber. Im Ohr habe ich nach wie vor die Musik der Love Keys. Es läuft Mahadeva. „LOVE IS THE ANSWER, LOVE IS ALWAYS RIGHT“. Ich schließe meine Augen und bin zufrieden Ich zu sein, so wie ich bin, jetzt und hier.

Set yourself on fire
Eure Annika

P.S. Der Flieger flog dann doch erst mit 30 Minuten Verspätung ab. Komisch, dieser Gedanke war mir neben all den Sorgen absolut nicht gekommen. Es sind immer nur die negativen Szenarien, die ich durchspiele. Alle Aufregung also umsonst? Nein, denn ich lerne immer wieder daraus und egal wie lange es dauert, Ich werde nicht müde immer weiter zu gehen auf meinem Weg…

8 Gedanken zu „Reise in ein neues Land mit alten Mustern im Gepäck

  1. Ines

    Huhu, toll gemacht und so mutig nach Indien zu reisen😉
    Darf ich fragen, was du für Symptome hast,wenn du in diese Spirale aus Gedanken kommst?

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    1. burnout-newbeginning

      Hallo Ines, natürlich darfst du das. Symptome sind vorrangig eine starke innerliche Unruhe, ausgelöst durch die Sorgen. Das äußert sich durch Unwohlsein/Unbehagen. Es ist einfach nicht schön in seiner eigenen Haut zu stecken. In der Folge führt das bei mir sehr häufig zu Schlafstörungen und in der Situation kann es auch zu Kopfschmerzen bis hin zu Migräne führen. Dass ich außerdem oft zu Essen greife, um das Unbehagen wegzudrücken, habe ich ja bereits geschrieben. Beantwortet das deine Frage?
      Vielen Dank für deinen Kommentar. Freue mich, wenn du mich wieder besuchen kommst 😊

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      1. Ines

        Ja DANKE für die Beantwortung. Ich find es so mutig,dass du den Schritt gegangen bist. Das wird ne tolle Erfahrung. Machst du dort auch eine Yoga Ausbildung?
        Ich selbst habe es auch oft mit den Gedanken Spiralen und manchmal gehtsr ganz gut vorbei und manchmal ist es auch sehr hartnäckig.
        Eine schöne Zeit

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  2. Roland

    Das Coole ist ja, wenn man diese Gedankenspiralen erst einmal durchschaut hat, kann man beinahe spielerisch damit umgehen.

    Solche Erfahrungen, wie deine Reise nach Indien und die dich begleitenden Sorgen, sind gute Übungen. Und wie du sehr eindrucksvoll beschreibst, es geht sich immer irgendwie aus.

    Und wenn nicht? Naja, dann hätten Sorgen auch nichts daran geändert 🙂

    Danke für den schönen Artikel!

    Liebe Grüße
    Roland

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