Eine Geschichte vom Loslassen, um Platz für Neues zu schaffen

Ein bedeutender Tag in meinem (beruflichen) Leben

Es ist der 9. August 2017. Ich bin bereits seit etwas über 4 Monaten krankgeschrieben – Burnout. Zwischendurch sah es schon ganz gut aus. So gut, dass ich meine Rückkehr in meinen Job für Anfang August kommuniziert hatte. Doch danach legte ich eine emotionale Talfahrt sondergleichen hin. Es war als wollte etwas in mir mir beweisen, dass ich nicht einfach da anknüpfen konnte, wo ich aufgehört hatte. Doch es war ein langer Weg der Erkenntnis. Um dorthin zu gelangen, musste erst eine beginnende Depression immer lauter an meine Tür klopfen, damit ich den Tatsachen ins Auge blicken konnte. Aber zurück zum 9. August…

Mit klopfendem Herzen und zusammengezogenem Magen fahre ich das erste Mal seit meiner Krankschreibung in die Firma. Mir ist hundeelend und ich wünsche mir das alles sei schon überstanden. Meine Ansprechpartnerin im Personalwesen hatte mir angeboten, dass wir uns außerhalb der Firma treffen könnten, aber ich wollte nicht feige sein. Ihr Büro liegt zum Glück fernab von dem Büro, das ich mir mit meinem Bürokollegen teilte und fernab all meiner anderer Kollegen. Auf dem Weg rufe ich aus dem Auto meinen Chef an, der zur Zeit geschäftlich in den USA verweilt, meiner ehemaligen beruflichen Heimat. Es ist ein kurzes Gespräch, in dem ich ihm mitteile, dass ich nicht mehr für ihn arbeiten werde. Meine Stimme zittert etwas. Er scheint nicht überrascht zu sein, was mich etwas überrascht. Haben andere kommen sehen was ich erst seit Kurzem weiß? Die erste Last fällt von mir ab. Meine Loyalität hat es von mir verlangt, dass mein Chef als erster von meiner Entscheidung erfährt, vor HR (Human Resources). Als ich auf das Firmengelände fahre, komme ich mir fremd vor und am liebsten wäre ich direkt wieder weggefahren. Natürlich ist das keine Option. Die Entscheidung war gefallen und ich will es jetzt hinter mich bringen. Die Personalerin schaut mich besorgt an, als ich ihr gegenüber Platz nehme. Meine Stimme zittert noch viel mehr als beim Gespräch mit meinem Chef. Ich bin den Tränen nahe und ringe um Fassung. Sie sagt ich sei blass wie die Wand, ob wir das Gespräch lieber verschieben sollten, wenn es mir offensichtlich nicht gut ginge. „Auf keinen Fall!“ erwiderte ich. Diese Last will ich keinen Tag länger mit mir herumschleppen. Ich möchte frei sein von dem Gedanken in einen Job zurückkehren zu müssen, der nicht länger gut für mich ist und ich nicht für ihn. Der Job und vor allem meine Firma ist zwar nicht verantwortlich für mein Burnout (dieses Schicksal habe ich mir eigenverantwortlich ausgesucht), aber dieses Umfeld ist für meine Rückkehr ins Berufsleben und meine Persönlichkeit nicht mehr geeignet aus verschiedenen Gründen, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte.

Unser Gespräch verläuft auf Augenhöhe, von Mensch zu Mensch. Vor allem dafür bin ich sehr dankbar und für das mir entgegenbrachte Verständnis. Wir wissen beide nicht wie es weitergehen wird, aber wir verbleiben so, dass ich mich melde, wenn eine Rückkehr absehbar ist. Erst dann schauen wir welcher andere Job für mich in Frage käme. In der Zwischenzeit wird meine Stelle ausgeschrieben und neu besetzt und ist somit nicht länger mein Thema. Wir sind uns einig, dass der Fokus auf meiner Gesundung liegen darf und soll. Unglaublich erleichtert verlasse ich ihr Büro. Das Lachen und auch die Farbe sind zurück in meinem Gesicht. Ich fühle mich leicht und befreit. Die Enge in der Brust ist weg, der Knoten in meinem Magen hat sich aufgelöst. Meine Schultern fühlen sich nicht länger schwer an, da die Last abgeworfen wurde. Ein herrliches Gefühl. Ich könnte die ganze Welt umarmen und ich danke mir, dass ich mich getraut habe loszulassen.

Als meine Intuition das Muss-Monster zum Duell herausforderte

Ich liebe meinen Job – das war mein Mantra. Ich weiß nicht wie oft ich mir selbst und auch anderen das gesagt habe. Ich habe als Controllerin gearbeitet vor meinem Burnout. Ich konnte mir nie vorstellen etwas anderes zu tun außer Finanzen. Warum auch – immerhin habe ich meinen Job nach objektiven Gesichtspunkten gut gemacht. Entscheidender als das war jedoch, dass ich nichts anderes gelernt habe und demnach nicht einmal den Gedanken an einen anderen Job zulassen konnte. Als Ende März mein Akku leer war, als anstatt Leistung nur noch Tränen kamen, als ich nutzlos Zuhause saß und angstvoll an meine Zukunft dachte, zweifelte ich nicht daran in genau diesen, meinen Job zurückkehren zu MÜSSEN. Die Frage war nicht ob, sondern lediglich wann. Ich hatte mich emotional an meine beruflichen Tätigkeit gebunden und selbst in den ersten Wochen meiner Krankschreibung identifizierte ich mich weiterhin mit meinem Job. Ich war Controllerin! Aufgeben kam nicht in Frage, denn es gab für mich keine Alternative. Ich musste zurück kommen und ich musste schaffen was ich davor nicht geschafft hatte (ohne zu wissen was genau das eigentlich war). Das Muss-Monster hatte mich nach wie vor fest in seinem Griff. Da es ein ständiger Begleiter in meinem Leben war, störte mich das nicht einmal. Genau so wollte ich mein Leben, redete ich mir ein. Meine Seele hatte eine ganz andere Meinung dazu, aber ich musste erst einen Trick anwenden, um meine innere Stimme deutlich hören zu können.

Wie eingangs bereits erwähnt, hatte ich zwischenzeitlich mit dem Gedanken gespielt in meinen damaligen Job zurückzukehren. Es ging mir ganz gut, mir war so einiges klar geworden, aber nun war es Zeit mein gewohntes Leben weiterzuführen. Klar, mit ein paar Änderungen, mehr Achtsamkeit zum Beispiel und mehr Zeit für mich und meine Bedürfnisse.  Sobald ich jedoch beschlossen hatte, dass die Rückkehr in meinen Job bevorstand, ging es mir zusehends schlechter. Ich hatte keine Erklärung dafür und bekam es zusehends mit der Angst zu tun. Was zum Teufel war denn nur los in mir? Genau da kam ich nicht ran, an mein Inneres, aber es wollte mir etwas sagen. Das alles passierte nicht grundlos. Nur wie komme ich dahin? Ich sprach über all das mit meiner Therapeutin, aber auch das schien mich nicht weiterzubringen. Und dann probierte ich eines Abends aus heiterem Himmel eine Technik aus, von der ich vor Wochen gelesen hatte. Dabei stellt man sich schriftlich eine offene Frage, die einen beschäftigt, und schreibt in der Folge ohne nachzudenken – intuitiv – alle Antworten dazu auf, die einem in den Sinn kommen. Nur eines solltest du dabei nicht tun, dir darüber Gedanken machen, z.B. ob diese oder jene Antwort sinnvoll, realistisch oder sonst was ist. Einfach fließen lassen. Ohne, dass ich wirklich daran glaubte, wollte ich es ausprobieren. Im schlimmsten Fall besaß ich keine Intuition, konnte ich keine Antworten ohne meine Gedanken zu Papier bringen – so what. Natürlich kam es ganz anders. Die Frage, die ich aufschrieb: „Was würde ich tun, wenn Geld mir nicht so wichtig wäre? Dann schrieb ich drauf los und es kamen insgesamt 8 Antworten zu Stande, bevor ich merkte, wie mein Verstand das Kommando übernahm und das das Signal für mich war, den Stift aus der Hand zu legen. Ohne dass ich Zeit gehabt hätte darüber nachzudenken, wusste ich bereits, dass die erste Antwort auf meine Frage so einiges verändern würde in meinem Leben. Antwort Nummer 1 lautete: „Kündigen„. Ich las mir meine Antworten durch und konnte einfach nicht glauben was ich las. Für einen Außenstehenden mag das unverständlich klingen und evtl. nach gespielter Dramaturgie, aber ich war bis dato nicht im Stande gewesen den Gedanken „kündigen“ zuzulassen. Er existierte nicht für mich! Doch auf einmal sah ich schwarz auf weiß vor mir was ich nicht tun musste, aber tun konnte. Ich war frei in meinen Entscheidungen, ich hatte eine Alternative. Die Energie, die in diesem Moment der Erkenntnis frei wurde, kann ich schwer beschreiben. Ich spürte eine unerklärliche Freude in mir und wusste nicht wohin damit. Ich konnte nicht aufhören zu grinsen, zu lachen, lag bis in den frühen Morgen hellwach im Bett und fragte mich immer wieder, ob das wirklich ginge, aber ich wusste es jetzt: ICH BIN FREI!

Zwar habe ich nicht gekündigt, genieße nach wie vor die Sicherheit einer Anstellung, aber ich habe mich von meinem Job losgesagt. Das allein war so ein unglaublich wichtiger Schritt in meiner Entwicklung. Ich war in der Lage mich mit meiner Intuition zu verbinden und die Erleichterung, die ich an diesem Abend, aber vor allem auch nach dem Gespräch mit meiner Personalerin, gespürt habe, zeigt mir, dass ich alle notwendigen Antworten in mir trage. Was für eine heilsame Erkenntnis!

Ungewissheit: Risiko, aber vor allem auch Chance

Ich war gut in meinem Job, aber ich habe viel mehr gegeben als ich zurück bekommen habe. Das liegt zum Einen an falschen Glaubenssätzen und inneren Antreibern, denen ich unterbewusst ausgeliefert war und die letztlich dazu geführt haben, dass ich nicht auf mich geachtet und schließlich ausgebrannt bin. Zum Anderen liegt es aber auch daran, dass mir mein Beruf keine wirkliche Freude gemacht hat. Ich habe für die Momente gearbeitet in denen ich in der Außenwirkung erfolgreich war, Lob, Dank und/oder Anerkennung bekommen habe. Das Problem daran ist, dass diese Momente kurzweilig sind und das schöne Gefühl nie von Dauer ist. So hetzte ich immer neuen Erfolgsmomenten hinterher ohne zu erkennen, dass ich immer mehr Energie gab und immer weniger zurückbekam, weil es einfach keine erfüllende Aufgabe für mich war.

Heute vor 3 Monaten habe ich meinen Job losgelassen und mir damit die Chance eingeräumt meinem Leben eine neue Richtung zu geben. Ich bin nach wie vor krankgeschrieben, aber fühle, dass ich bald wieder bereit bin zu arbeiten. Mein Burnout hat mir die Chance gegeben mich von Altem zu lösen, um Platz für Neues in meinem Leben zu machen. Wie eine neue berufliche Zukunft für mich aussehen könnte, werde ich im ersten Schritt mit meiner Firma zusammen evaluieren. Ich bin mittlerweile mutig genug etwas ganz neues ausprobieren zu wollen. So langsam bildet sich eine Vision, die ich immer mehr greifen kann und vor allem fühle. Wie es weitergehen wird für mich, werdet ihr hier erfahren. Ich freue mich über jeden, der mich auf meiner Reise zu mir selbst begleitet 🙂

Set yourself on fire

Eure Annika

 

 

Ein Gedanke zu „Eine Geschichte vom Loslassen, um Platz für Neues zu schaffen

  1. Der Denkweise

    Man versteht wohl oft selbst nicht, warum man wie entscheidet. Ich gratuliere Dir zu Deinen Erkenntnissen, und wie ich schon etwas aus Deinem Blog rauslesen konnte, achtest Du jetzt mehr auf dich. Sehr schön. 😉 Alles Gute + LG

    Gefällt 1 Person

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