Antidepressiva: Ja oder Nein?!

Das erste Mal wurde ich mit der Möglichkeit einer medikamentösen Behandlung von meiner Hausärztin konfrontiert. Zu dieser Zeit war ich bereits 2 Wochen krankgeschrieben und es zeichnete sich ab, dass mein Problem etwas tiefgreifender war, als ich mir das anfangs eingestehen konnte oder wollte. Als sie andeutete, dass aus ihrer Sicht ein Klinikaufenthalt oder – noch schlimmer – Medikamente hilfreich seien in meiner Situation, brachen bei mir sämtliche Dämme. Ich weinte wie ein kleines Kind. War doch gefühlt mein Leben bis vor einigen Wochen noch völlig in Ordnung (natürlich war es das nicht, aber das hatte ich weitestgehend erfolgreich ignorieren können), so schien es jetzt völlig aus den Fugen zu geraten. In meinem Kopf spielte sich sofort ein Film ab von weißen kalten Räumen, apathischen vollgedröhnten Patienten und ich mitten drin. Wie sollte mir das helfen? Nein, das wollte ich nicht, unter gar keinen Umständen. So schlimm wie dieser Moment für mich auch war, in dem ich mich in meiner Angst kurzzeitig völlig verloren hatte, so wertvoll war er auch für mich. Ich hätte der Ärztin ruhig erwidern können, dass ein Klinikaufenthalt für mich nicht hilfreich erschien, ich meinen Alltag gut meistere und den Gedanken an Tabletten ablehne, aber ihr für den Hinweis danke. Stattdessen saß ich zitternd und schluchzend vor ihr und habe wohl in der Tat den Anschein erweckt, dass ich absolut nichts im Griff habe und da alleine nicht herauskomme. Diese Situation hat mir gezeigt wie wenig belastbar ich in der Tat war und dass Kleinigkeiten ausreichten, um mich völlig aus dem Gleichgewicht zu bringen. Es hatte einen Grund, dass ich krankgeschrieben war! Es folgte eine Überweisung an einen Psychiater mit der Diagnose „depressive Entwicklung“.

In einem vorherigen Blogartikel habe ich euch von meinem ersten Besuch beim Psychiater berichtet (Als ich das erste Mal zum Psychiater ging und mich fragte, ob man mir das ansieht), einer meiner persönlichen Tiefpunkte meines bisherigen Krankheitsverlaufs. Zur Erinnerung: Nach einem 5-minütigen Frage-Antwort-Spiel und der Untersuchung meiner Hirnströme, die angeblich unregelmäßig sind (was genau das heißt, weiß ich bis heute nicht), drückt mir der Psychiater ein Rezept für ein Antidepressivum in die Hand. Das hat mich bis ins Mark erschüttert. Nachdem ich mich bei einem ausgedehnten Spaziergang einigermaßen beruhigt hatte, ging die Recherche los. Meine innere Stimme hat mir längst zugerufen bloß keine Tabletten zu nehmen, aber der Kopf brauchte Antworten und wo fängt man da am besten an – dem Internet.

Offiziell gibt es die Diagnose Burnout gemäß ICD-10, dem internationalen Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen, nicht. Burnout wird unter ICD-10 F – Psychische und Verhaltensstörungen – erfasst. Demnach sind typische Anzeichen einer Depression:

  • Antriebslosigkeit / erhöhte Müdigkeit
  • Niedergeschlagenheit
  • verminderte Konzentrationsfähigkeit 
  • Pessimismus
  • Schlafprobleme 
  • Appetitlosigkeit und ggf. Gewichtsverlust
  • mangelndes Selbstvertrauen/Selbstwertgefühl 
  • Schuld- und/oder Schamgefühl 
  • Lustlosigkeit
  • im schlimmsten Fall Suizidgedanken

Warum ich mich schlussendlich und mit absoluter Überzeugung gegen die Einnahme eines Antidepressivums entschieden habe, obwohl ein paar der genannten Symptome auf mich zutrafen (siehe )? Ich möchte gesund werden! Ich verbrachte Stunden damit so viel wie möglich über das verschriebene Medikament Tianeurax, vor allem über Wirkung und Nebenwirkung, nachzulesen, z.B. in Foren, wo depressive Menschen sich über ihre Erfahrungen austauschen. Es erschien mir so fremd und surreal und ich fand mich in diesen Berichten absolut nicht wieder!

Ein Antidepressivum heilt nicht, es bekämpft lediglich das Symptom. Ich will aber mehr als nur das. Ich will nicht mehr nur funktionieren (das hatte ich lange genug!), durch den Tag kommen, mein Wohlergehen an die Einnahme eines Medikaments knüpfen und in eine Abhängigkeit – körperlich, psychisch oder schlimmstenfalls beides – geraten. Ich hatte bereits begriffen, dass ich selbst die negativen Gedanken und Gefühle in mir erzeuge. Nichts davon wurde/wird mir angetan. Ich selbst bin der Grund warum es mir ging wie es mir ging. Wenn ich also die Macht hatte, diese Realität zu erzeugen, dann hatte ich auch die Macht meine Geschichte umzuschreiben. Ich weiß, dass es geht und ich habe mich auf den Weg begeben herauszufinden wie ich das schaffe. Dieser Weg ist nicht einfach, teilweise sogar sehr schmerzhaft, allerdings notwendig, um Freiheit zu erlangen.

Was ich nicht verschweigen möchte: Nach ca. 10 Wochen Krankschreibung, einen Monat nachdem ich mich gegen die Einnahme des verschriebenen Antidepressivums entschieden hatte, hat sich mein Zustand zusehends verschlechtert. Ich war gerade in meine erste Eigentumswohnung gezogen und gedanklich schon dabei gewesen meine Rückkehr in den Job vorzubereiten, aber es kam anders. Ich hatte phasenweise Tage, an denen ich mich so richtig depressiv gefühlt habe. An diesen Tagen war ich ausnahmslos allein und da ich schnell erkannte, dass es mir in Gesellschaft deutlich besser ging, habe ich viel Zeit weg von Zuhause verbracht, an Orten wo ich Gesellschaft hatte und stabil gefühlt habe. Sobald ich nach Hause kam, allein war mit mir, meinen Gedanken und Gefühlen, rutschte ich schnell ab. Ich fragte mich, ob ich „da“ jemals raus kam und verlor die Hoffnung in mich und meine Zukunft. Plötzlich verstand ich wie nah ich einer Depression wohl doch war, zeigte deutlich mehr Anzeichen. Es war als wartete sie nur darauf, dass ich alleine war, um mich zu überraschen und einzunehmen. Es fiel mir zusehends schwerer gute Entscheidungen für mich zu treffen. Morgens aufzustehen, ein geregelter Tagesablauf, waren für mich in den ersten Wochen nach der Krankschreibung kein Problem. Doch auf einmal war alles anstrengend und ich sah keinen Sinn in meinen Bemühungen um ein normales Leben. Es erschien nichts mehr normal und ich wusste nicht wozu ich mich anstrengen sollte. Die Wohnung bedeutete mir nichts; beim Gedanken an eine Rückkehr in meinen Job zog sich in mir alles zusammen. Nicht nur einmal stellte ich mir in einem dieser Momente die Frage, ob es jetzt doch an der Zeit sei ein Antidepressivum zu nehmen und entgegen meiner inneren Überzeugung zu handeln. Zum Glück stieß ich in dieser Zeit auf einen interessanten Artikel, der mir half mich mit meiner Intuition zu verbünden und weiterhin Nein“ zu einem Medikament zu sagen.

https://bewusst-vegan-froh.de/warum-depression-eine-biochemische-heilung-ist-serotonin-als-gegenspieler-von-dmt/

Was war denn wirklich das Problem? Ich hatte meinem Leben eine Richtung gegeben, die mich in eine Sackgasse geführt hat, ohne dass ich es gemerkt hätte bzw. hätte merken wollen. Ich war eine Meisterin darin mich abzulenken. Doch die Wahrheit schrie mir ins Gesicht in Form meines Burnouts. Und nun steckte ich in einem richtigen Schlamassel. Etwas in mir wusste, dass es so nicht weitergehen konnte, aber mein Verstand wollte das nicht akzeptieren. Er wollte Sicherheit, wollte, dass alles so weiter lief wie gehabt, erzählte mir, dass es doch gar nicht so schlimm sei und es alles wieder so sein könnte, wie es war. Darauf reagierte mein Innenleben mit seiner eigenen Sprache und es war nun Zeit für mich hinzuschauen. Meine Seele bremste mich aus, damit ich nicht einfach nur weiter vor mich hinlebte. Depression, hervorgerufen durch meinen inneren Konflikt, ist letztendlich nur die Konsequenz und nicht die Ursache. Ich konnte mich weiterhin belügen oder ich konnte anfangen den Schmerz wirklich zuzulassen und mich meiner Angst zu stellen. Am meisten Angst davor habe ich nicht zu wissen was ich mit meinem Leben denn wirklich anstellen will. Dabei wird mir aber kein Medikament der Welt helfen können. Ich bin auf einer Reise zu mir selbst und diese Reise verläuft mitunter etwas turbulent. Das ist okay, denn ich vertraue mir, dass ich es trotz aller Widrigkeiten schaffen werde.

Zum Abschluss möchte ich betonen, dass dieser Blogeintrag subjektiv und wertfrei zu verstehen ist. Ich habe meine persönliche Geschichte und somit Einstellung zu diesem Thema und nur diese möchte und kann ich mit euch teilen. Das heißt aber nicht, dass ich nicht an anderen Meinungen interessiert bin. Ganz im Gegenteil, ich lerne gerne von den Erfahrungen anderer Menschen, die mir helfen meine eigenen Überzeugungen auf den Prüfstand zu stellen und neu zu definieren, ob ich in meiner Einstellung (noch weiter) gefestigt bin oder sich evtl. ein Umdenken bemerkbar macht. Das ist das Schöne, wir können jeden Moment neu für uns entscheiden, wenn wir die Verantwortung für uns und unser Leben übernehmen und erkennen, dass es in unserer Hand liegt. Egal wie ihr euch entscheidet, ich bin interessiert an eurer Geschichte. Vielleicht mögt ihr sie mit mir teilen…

Set yourself on fire

Eure Annika

 

 

2 Gedanken zu „Antidepressiva: Ja oder Nein?!

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